Cosmic Miniatures
2024, Deutschland,94 min
Regie Alexander Kluge
Der Film handelt von Lichtgeschwindigkeit, Tieren der Milchstraße, Fluchtmöglichkeiten und Notausgängen in den Kosmos–heute noch weit entfernt–,falls die Erde je stirbt, von Katzen, Hunden und dem Raumpiloten Pirx und von dem Zeitgefühl im Universum, das von dem in unseren Lebensläufen und in unserer aktuellen Welt so trostreich verschieden ist.
There was a young Lady in Bright,
Who’s speed was much faster than light,
She started one day,
In a relative way...
And returned
by the previous night...
„Mit seinen 91 Jahren gilt Alexander Kluge als einer der Wegbereiter des Neuen DeutschenFilms und der Avantgarde. Er ist nach wie vor aktiv und neugierig auf die Medien, und so ist es nicht verwunderlich, dass er sich seit kurzem mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. Er erforscht ein spezielles, in München für die medizinische Forschung entwickeltesProgramm, das er systematisch strapaziert, um seine Bilder an den äußersten Grenzen der kreativen Fähigkeiten des Systems zu finden. Mit diesen spielt Kluge in der gleichen essayistischen Weise, wie er sie aus seiner Fernseharbeit kennt-mit historischemBildmaterial und einer Fülle von Texten, Comics, Charts und Kabarett. Kurzum: Fakten undFiktionen mischen sich frei.Was Cosmic Miniatures besonders befriedigend macht, ist die Art und Weise, wieKluge an die frühen 1970er Jahre anknüpft, seine wohl üppigste filmische Periode. Damals schuf er einige Low-Budget-Science-Fiction-Filme-pulpy, aber mit ernsthafter politischerIntelligenz. Dies würde auch die gelegentlich reißerischen Freuden von Cosmic Miniatures gut beschreiben, etwa wenn die Erinnerungen an den tapferen Weltraumhund Laika dieGeburt einer ganzen Spezies von intergalaktischen Kampfhunden einleiten. Doch das Finale mit seiner Hommage an Kluges Freund Edgar Reitz eröffnet eine weitere unerwarteteDimension und ist ein Meisterwerk für sich.“
-Olaf Möller, Filmfestival Rotterdam 2023
Der große Verhau
1971, BR Deutschland,90min
Alexander Kluges Zukunftsphantasie spielt im dritten Jahrtausend–im Mittelpunkt stehendie Auseinandersetzungen zwischen intergalaktischen Regierungen auf der einen und Industriegiganten, namentlich der Suez-Kanal-Gesellschaft, auf der anderen Seite.
Es herrscht der Krieg der Konkurrenz, und am Rande dieser Ordnung versuchen die vorkapitalistisch organisierten Kleinunternehmer Vinzenz und Maria Sterr, ihre Interessen zuwahren. Sie schmuggeln und verlegen sich auf Versicherungsbetrug. Der Gipfel dieser dissidenten Überlebenstechniken besteht darin, wie vorzeitliche Riff-Piraten Raumschiffe zum Absturz zu bringen.
Regie Alexander Kluge Buch Alexander Kluge Mitarbeit Drehbuch Oimel Mai Kamera Alfred Tichawsky, Thomas Mauch, Dietrich Lohmann Spezialeffekte Hannelore Hoger, Achim Heimbucher Schnitt Maximiliane Mainka, Beate Mainka-Jellinghaus Ton Bernd Hoeltz Musik Amon Düül 2 Darstellende Maria Sterr, Vinzenz Sterr, Hannelore Hoger, Hark Bohm, Silvia Forsthofer, Henrike Fürst, Sigi Graue, Claus-Dieter Reents, Hajo von Zündt, Horst Sachtleben, Bernd Hoeltz Produzent Alexander Kluge Produktionsfirma Kairos-Film, München Produktionsleitung Bernd Hoeltz Aufnahmeleitung Dagmar Klaiber Länge 90 min Format 35 mm, 1:1,37 Bild s/w und Farbe Uraufführung Internationales Forum des Jungen Films, Berlin, 30.06.1971
Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte
1969-1971, BR Deutschland, 78min
Der Kybernetik-Professor Willi Tobler gerät mit seiner Familie in einen Bombenangriff währenddes Bürgerkriegs in der nahen Zukunft des Jahres 2040. Nach einer Rettung mit Müh und Not trennt er sich von seiner Familie, gibt den Lehrstuhl auf und wird Pressesprecher im Flotten-Hauptquartier. Als solcher aber gewinnt er keineswegs die gewünschte Sicherheit, sondern bleibt dem Kriegsglück ausgeliefert. Neue Gefahren, neue Abhängigkeiten kommen und gehen, und am Ende droht dem Diener der wechselnden Regierungen gar die Todesstrafe.
Regie Alexander Kluge Buch Alexander Kluge Kamera DietrichLohmann, Günther Hörmann, Alfred Tichawsky, Thomas Mauch Schnitt Maximiliane Mainka, Beate Mainka-Jellinghaus Ton Bernd Hoeltz Darstellende Alfred Edel, Helga Skalla, Hark Bohm, Kurt Jürgens, Natalia Bowakow, Joachim Hirsch, Hannelore Hoger, Horst Sachtleben, Agneta Löfving, Bernd Hoeltz, Angela Skalla Produzent Alexander Kluge Produktionsfirma Kairos-Film, München, im Auftrag vom ZDF Produktionsleitung Bernd Hoeltz Aufnahmeleitung Dagmar Klaiber Länge 78 min Format 35 mm, 1:1,37 Bild s/w und Farbe Uraufführung 19.01.1972, ZDF
Es geht in diesem Film um unsere Heimat, die Sterne. In den Billionen Zellen, die wir Menschen – wie alle guten Tiere – täglich mit uns herumtragen, steckt eine Spur von Sternenstaub. Drei Sonnen müssen explodieren, ehe aus Wasserstoff und Heliumwolken die Materie entsteht, aus der unsere Erde und das Leben auf ihr gemacht sind. Schon meine Science-Fiction Filme aus den 70er Jahren handeln davon. Aber je älter ich werde, desto mehr interessiere ich mich für Science. Mehr als für Science-Fiction. Die Wirklichkeit ist ein unübertroffener Erzähler. Und der Sitz aller Realität ist das Weltall.
Die Knoten und Rennstrecken des Lichts, die Lichtblitze und Gewitter in den Sternenhaufen haben unvorstellbare Geschwindigkeiten. Aber mich tröstet, dass nichts schneller sein kann als Licht. Nichts tröstet mehr in der disruptiven Welt, als dass es irgendwo doch Gleichgewichte gibt.
Die Parallelen zum wenige Jahre später entstandenen ersten Star Wars sind verblüffend – und doch könnten die Filme nicht unterschiedlicher sein. "Es herrscht Bürgerkrieg im Weltraum", informiert zu Beginn von "Der große Verhau" ein Rolltitel wie auch in George Lucas’ Sternensaga. Wo dort das böse „Imperium“ über das All herrscht, ist es hier die Suez-Kanal-Gesellschaft. Widerstand kommt von „Selbstversorgern“, Schmugglern und Schrotthändlern, nicht unähnlich der „Rebellion“ aus Lucas’ Film. Dem Gut/Böse-Pathos setzt Kluge allerdings eine augenzwinkernde antikapitalistische Nonsens-Erzählung entgegen und den Materialschlachten Hollywoods eine Fülle von kreativ gestalteten Texttafeln und wunderbar selbstgebastelter Tricktechnik. Die Kostüme scheinen eher vom „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“-Cover inspiriert als von der NASA. Den zeitgemäßen Soundtrack liefern die Krautrocker von Amon Düül II. Wie jede gute Science-Fiction erzählt "Der große Verhau" also vor allem von der Zeit seiner Entstehung.
– Berlinale
Bereits 1969 entwickelte Alexander Kluge am Ulmer Institut für Filmgestaltung einige ‚kosmische Miniaturen‘, die als Modellbauten für seine Science-Fiction-Filme „Der große Verhau“ und „Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte“ dienten. In einer Reminiszenz an die Pionierleistungen von Georges Méliès, dem französischen Illusionisten und Urvater der Filmtrickkunst, konstruierte Kluge mit seinem Team fantastische außerirdische Landschaften und Raumschiffe – gefertigt aus Gips, Sand, Eisenteilen oder den Eingeweiden ausrangierter Fernseher und elektronischer Bauteile –, die weniger der Simulation von Realität dienten als vielmehr einer künstlerischen Reflexion über politische und mediale Fragen, die somit in den Raum der Zukunft verlagert wurden, ohne sich dabei den gängigen Konventionen des Genres zu unterwerfen.
– Rapid Eye Movies